Links  |  

Kontakt  |  

Impressum  |  

Sie sind hier: 

>> Graf von Monte Christo 

Graf von Monte Christo

handwerklich sehr gut

Graf von Monte Christo 30.05.2009

Ich hatte die Möglichkeit nach St. Gallen zu reisen, um am 30.05.2009 die Vorstellung „Der Graf von Monte Christo“ besuchen zu können. Ich fuhr mit hohen Erwartungen in die Schweiz. Ich hatte vieles über die Premiere des Musicals gehört sowie einige Showberichte gelesen. Der Tenor war durchweg sehr positiv.
Möglicherweise „schraubte“ dies meine Erwartungen zu hoch, denn sie wurden durch die Vorstellung nicht erfüllt.
Zwar ist „Der Graf von Monte Christo“ ein Stück, welches handwerklich sehr gut – auf hohem Niveau – vorgetragen wird, jedoch fehlte mir „der letzte Kick“, welcher mich hätte sagen lassen: „Das Stück war hervorragend.“
Alles war fehlerfrei. Das Bühnenbild eher spartanisch, jedoch funktional, die Kostüme bunt und schön (besonders die Mäntel des Grafen von Monte Christo), die Darstellerriege schon vom Feinsten, aber nur in 2 (raren) Momenten war ich vom Gesang und Schauspiel der Darsteller so berührt, wie ich es mir bei der Dramatik der Handlung viel, viel öfter im Verlauf des Stücks gewünscht hätte.

Sophie Berner, als Mercedes, sang wunderbar und trieb mir Tränen in die Augen mit Ihrem Lied „Wie mich die Welt umarmt“.
Thomas Borchert, den ich eigentlich für genial halte, überzeugt mich eher im 2. Teil des Stücks, im 1. Akt vor allem mit dem Song „Hölle auf Erden“. Meines Erachtens hat er sein Potential an diesem Abend nicht ganz ausgeschöpft. Seine ansonsten so starke Bühnenpräsenz hat mir gefehlt.
Woran lag das? An seiner Tagesform? An der Musik von Frank Wildhorn, die zuweilen sehr schwierig war? Oder an seiner ein bisschen zu klischeebehafteten Rolle? Sein Schauspiel war nicht so „fein“, wie ich es erwartet hatte. Oder trog mich meine Wahrnehmung?
Schön fand ich Carsten Lepper als Fernand Mondego. Er war schmierig, eklig, intrigant. Es grüßte ein wenig Jack Favell aus „Rebecca“.
Auch gefielen mir die Fechtchoreographien im Stück. Allerdings hielt ich die Szene, in der Luisa Vampa, die Piratin, Edmond Dantes aus dem Meer fischt, für überflüssig. Welchem dramaturgischen Zweck die Rolle der Luisa Vampa in diesem Stück dient, hat sich mir nicht erschlossen, jedoch erhielt Ava Brennan am Schluss viel Applaus. Das allein genügt ja dann als Berechtigung…

Besonders hervorheben möchte ich noch die Leistung von Dean Welterlen als Abbe Faria. Es handelt sich zwar um eine kleinere Rolle, da der Abbe ja beim Graben des Fluchttunnels im 1. Akt ums Leben kommt, aber Dean Welterlen hat diesen Charakter mit Bravour auf die Bühne gebracht, gesanglich einwandfrei, schauspielerisch stark, ja sogar zuweilen komödiantisch, was dem ansonsten sehr dramatischen Stück ein besondere Nuance verlieh.

Auch gefielen mir Daniel Berini und Barbara Obermeier als Albert Mondego und Valentine von Villefort, die beide ihrer jugendlichen Naivität gekonnt Ausdruck verliehen und mit schönen Stimmen überzeugten.
Die „Mit-Verschwörer“, neben Carsten Lepper als Mondego, nämlich Karim Khawatmi als Danglars und Christoph Goetten als von Villefort empfand ich als nicht skrupellos genug in ihrer Darstellung. Da hat mir ein wenig schauspielerische und gesangliche Kraft gefehlt, um diesen Rollen noch mehr den Stempel aufzudrücken. Eigentlich verwunderlich, denn beide Darsteller haben das Potential zur ganz großen Leistung schon oft gezeigt.
Kritisch sehe ich auch die allzu schnelle Wandlung des Grafen von Monte Christo vom hassenden Rächer zum plötzlich allen Vergebenden am Ende des 2. Akts. Da hätte ein Lied oder eine Sprechszene den Vollzug dieser Wandlung noch unterstützen müssen und damit glaubhafter gemacht. Das Ende des „Grafen von Monte Christo“ ist dann „typisch amerikanisch“, ein Happy End für Albert Mondego und Valentine von Villefort sowie für Edmond Dantes und Mercedes, womit wir wieder beim Stichwort „Klischee“ angelangt wären.

Alles in allem ist „Der Graf von Monte Christo“ eine durchaus empfehlenswerte Produktion, warum der Funke bei mir nicht übersprang, vermag ich nicht genau zu sagen. Möge sich jeder selbst ein Bild machen, und zwar noch bis 13.06.2009 im St. Gallener Theater.





P.S.: Die CD zum Stück, in englischer Sprache, mit vielen bekannten Musical Darstellern (nicht denen der St. Gallener Aufführung wohlgemerkt, außer Thomas Borchert) ist toll!

Druckbare Version